Die monumentale Feststiege des Naturhistorischen Museums Wien zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen der historistischen Innenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Das nach Entwürfen von Gottfried Semper und Carl Hasenauer zwischen 1871 und 1881 errichtete Museum wurde am 10. August 1889 von Kaiser Franz Joseph I. feierlich eröffnet. Die prunkvolle Treppenanlage verbindet repräsentative Architektur mit einem umfangreichen künstlerischen Programm, das der Geschichte und Entwicklung der Naturwissenschaften gewidmet ist.

Die symmetrisch angeordneten Marmortreppen mit ihren reich verzierten Balustraden führen zu einer von Arkaden umgebenen Galerie. In acht monumentalen Nischen stehen lebensgroße Marmorstatuen bedeutender Gelehrter und Naturforscher. Sie repräsentieren unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und veranschaulichen die Entwicklung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von der Antike bis ins 19. Jahrhundert.

Zu den dargestellten Persönlichkeiten zählt Aristoteles (384–322 v. Chr.), einer der einflussreichsten Philosophen der Antike, der mit seinen Untersuchungen zur Tierwelt und Natur grundlegende Beiträge zur frühen Biologie leistete. Johannes Kepler (1571–1630) revolutionierte mit seinen drei Gesetzen der Planetenbewegung das astronomische Weltbild. Isaac Newton (1643–1727) schuf mit seinen Bewegungsgesetzen und dem Gravitationsgesetz wesentliche Grundlagen der klassischen Physik. Carl von Linné (1707–1778) entwickelte die binäre Nomenklatur und legte damit das Fundament der modernen biologischen Systematik.

Weitere Statuen zeigen Abraham Gottlob Werner (1749–1817), einen bedeutenden Mineralogen und Wegbereiter der wissenschaftlichen Geologie, sowie Georges Cuvier (1769–1832), der als Begründer der vergleichenden Anatomie und einer der Pioniere der Paläontologie gilt. Jöns Jakob Berzelius (1779–1848) trug wesentlich zur Entwicklung der modernen Chemie bei und führte die bis heute gebräuchliche chemische Symbolschreibweise ein. Alexander von Humboldt (1769–1859) schließlich verkörpert als Naturforscher, Forschungsreisender und Mitbegründer der physischen Geografie die umfassende Erforschung der Natur und ihrer Zusammenhänge.

Die Marmorstatuen wurden von namhaften Bildhauern der Wiener Ringstraßenzeit geschaffen, darunter Karl Kundmann, Caspar von Zumbusch und Rudolf Weyr. Gemeinsam bilden die acht Forscherfiguren eine steinerne Ehrengalerie der Naturwissenschaften.

Den künstlerischen Höhepunkt des Stiegenhauses bildet das monumentale Deckengemälde „Der Kreislauf des Lebens“ von Hans Canon, entstanden 1884/85. Die vielgestaltige allegorische Komposition thematisiert die Entstehung, Entwicklung und Vergänglichkeit des Lebens sowie das menschliche Streben nach Wissen, Reichtum, Ruhm und Macht. Eine geheimnisvolle Sphinx verkörpert die ungelösten Rätsel der Natur, während die Sanduhr als Sinnbild der verrinnenden Zeit an die Vergänglichkeit allen Lebens erinnert. Die Darstellung verbindet philosophische Gedanken mit einer dramatischen, an die barocke Deckenmalerei erinnernden Bildsprache.

Zwölf halbkreisförmige Lünettenbilder, ebenfalls von Hans Canon, ergänzen das zentrale Deckengemälde. Sie zeigen allegorische Darstellungen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Dazu zählen Philosophie und Induktion, Astronomie, Industrie, Zoologie, Erdmagnetismus und Vulkanismus, Botanik, Mineralogie, Geologie, vergleichende Anatomie, Chemie, Physik und Mathematik sowie die Tier- und Pflanzengeografie. Die Wissenschaften werden überwiegend durch idealisierte menschliche Figuren dargestellt, deren Attribute auf die jeweiligen Forschungsgebiete verweisen. Während die Marmorstatuen bedeutende Wissenschaftler ehren, verkörpern die Lünettenbilder die wissenschaftlichen Disziplinen selbst.

Die kunstvollen Wand- und Gewölbemalereien werden dem Wiener Dekorationsmaler Adolf Falkenstein zugeschrieben. Ihre an antiken und pompejanischen Vorbildern orientierten Ornamente bestehen aus floralen Motiven, geometrischen Verzierungen, architektonischen Scheinrahmungen und dekorativen Bildfeldern. Zusammen mit den polierten Wandverkleidungen aus Gipsmarmor, den profilierten Gesimsen, plastischen Reliefs und vergoldeten Architekturdetails entsteht eine reichhaltige und harmonische Raumgestaltung.

Die Feststiege ist damit weit mehr als ein repräsentativer Zugang zu den naturhistorischen Sammlungen. Ihre Architektur, Skulpturen und Gemälde bilden ein aufeinander abgestimmtes Gesamtkunstwerk, das den wissenschaftlichen Fortschritt und die Erforschung der Natur würdigt. Sie veranschaulicht zugleich das Bildungsverständnis des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem Wissenschaft, Kunst und Architektur als Ausdruck menschlicher Erkenntnis und kultureller Entwicklung miteinander verbunden wurden.

Objektfotos
Wien 3D - Innere Stadt - Feststiege Naturhistorisches Museum
Wien 3D - Innere Stadt - Feststiege Naturhistorisches Museum

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