Das Ehrengrab von Eduard Pötzl auf dem Wiener Zentralfriedhof erinnert an einen der bekanntesten Wiener Feuilletonisten und Schriftsteller der Zeit um 1900. Die Grabstätte befindet sich in der Gruppe 0 und wurde von der Stadt Wien als Ehrengrab gewidmet. Das monumentale Grabmal entstand nach Pötzls Tod und wurde 1916 enthüllt. Entworfen wurde es vom Maler und Bildhauer Josef Engelhart, einem der Mitbegründer der Wiener Secession.
Die Anlage ist streng symmetrisch aufgebaut und besitzt den Charakter eines kleinen architektonischen Denkmals. Seitliche Pfeiler beziehungsweise stark stilisierte Figuren rahmen die zentrale Inschriftenfläche ein. Darüber liegt ein schwerer horizontaler Abschluss mit flachem Giebel. Im Zentrum befindet sich ein Reliefbildnis Eduard Pötzls. Die reduzierte, monumentale Formensprache verbindet Elemente klassischer Grabarchitektur mit der Kunstauffassung der Wiener Moderne.
Eduard Pötzl wurde 1851 in Wien geboren und entwickelte sich zu einem bedeutenden Beobachter und Chronisten des Wiener Alltagslebens. Ab 1874 arbeitete er für das „Neue Wiener Tagblatt“. Zunächst berichtete er unter anderem aus dem Gerichtssaal, später wurden humoristische Feuilletons, Lokalskizzen und gesellschaftliche Beobachtungen zu seinem eigentlichen Markenzeichen. Mit feinem Humor beschrieb er Beamte, Bürger, Kaffeehausbesucher, Ausflügler und zahlreiche andere Charaktere des damaligen Wien. Einige der von ihm geschaffenen Typenfiguren, darunter der „Herr von Nigerl“ und der „Gigerl“, wurden einem breiten Publikum bekannt. Seine Texte besitzen heute auch dokumentarischen Wert, weil sie zahlreiche Details des städtischen Lebens im Wien der späten Monarchie überliefern. Pötzl starb 1914 in Mödling.
In der Grabstätte ist auch seine Ehefrau Josefine Pötzl, geboren 1858 und gestorben 1936, bestattet. Sie gehörte zum unmittelbaren familiären und gesellschaftlichen Umfeld des Schriftstellers und wird auf dem Grabmal gemeinsam mit ihm genannt. Dadurch ist die Anlage nicht nur als öffentliches Erinnerungsdenkmal für einen prominenten Wiener Autor zu verstehen, sondern zugleich als Familiengrab.
Ebenfalls hier beigesetzt wurde der gemeinsame Sohn Otto Pötzl, der von 1877 bis 1962 lebte. Er schlug eine völlig andere berufliche Laufbahn ein und wurde Neurologe und Psychiater. Als Wissenschaftler beschäftigte er sich insbesondere mit der Funktionsweise des Gehirns sowie mit Sprach-, Wahrnehmungs- und Sehstörungen. Zu seinen Forschungsgebieten gehörten unter anderem Aphasie, Wortblindheit und Störungen der visuellen Wahrnehmung. Otto Pötzl wirkte als Universitätslehrer in Wien und zählt zu den bedeutenden österreichischen Vertretern der Neurologie und Neuropsychologie seiner Zeit.